Lulu hat 20 Jahre als Prostituierte gearbeitet, freiwillig und ohne Zuhälter / heute engagiert sie sich bei der Prostituiertenberatungsstelle Nitribitt
VON TINA GROLL
BREMEN. Sie nennt sich „Lulu“ und sie sagt, dass Männer „wunderbar beschränkt“ seien. Sie erzählt, ihr Geschäft sei es, eine Illusion zu verkaufen. Und dass das ein ehrbares Geschäft sei. Lulu hat zum Frühstück geladen und versprochen, zu erzählen – von ihrer Zeit im ältesten Gewerbe der Welt, von den Häusern der Helenenstraße, in denen selbstbewusste Frauen arbeiten, von den schummerigen Hafenbars und vom Straßenstrich, auf dem heute immer mehr Osteuropäerinnen stehen, die statt einer Illusion, ihre jungen Körper verkaufen.
Lulu will auch über ihren Ausstieg berichten – denn nach fast 20 Jahren als Prostituierte in Bremen führt sie heute als verheiratete Krankenschwester mit Haus und Garten ein – fast – ganz bürgerliches Leben. Zum Frühstück hat sie in die Prostituiertenberatungsstelle „Nitribitt“ geladen. Die ist ihr wichtig, denn hier engagiert sie sich mit großer Leidenschaft. Die Einrichtung ist in einem Altbremerhaus in der Stader Straße untergebracht. Ein unauffälliges Schild weist darauf hin, dass hier der Treffpunkt der Sexarbeiterinnen ist. Denn Nitribitt ist mehr als eine reine Beratungsstelle, die Einrichtung ist Interessensvertretung, Treffpunkt und Informationszentrum für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter im Land. Es ist früher Vormittag. Eine ältere Dame trägt ihre Einkäufe ins Mehrfamilienhaus, die Tapete ist Pastellfarben und Tierbilder hängen an der Wand. Die beiden Sozialarbeiterinnen von Nitribitt, Gabriele Trapp und Monika Heitmann, öffnen die Tür zur unteren Wohnung und bitten in die Beratungsstelle. Eine große Palme steht in der einen Ecke, in der anderen Korbmöbel, dahinter ist eine Wand mit Infomaterial in allen Farben und bunten Plakaten. Die schweren Holztische sind mit Büromaterialien zugestapelt.
Auf dem langen Tisch im großen Zimmer stehen Brötchen, Kaffee und frische Blumen. Es duftet nach fruchtiger Marmelade und süßlich-schwerem Parfüm. Am Tisch sitzt Lulu und raucht. Jung sieht die 48-Jährige aus – allenfalls wie Mitte 30. Sie trägt lange braune Locken, einen Nasenring, leichtes, frisches Make-Up und lustige Augenfalten. Verbraucht sieht anders aus. Lulu gibt grinsend die Hand und redet gleich drauf los. Viel zu tun gebe es, gerade als Ehrenamtliche im Verein von Nitribitt, erzählt sie – und wie zum Beweis klingelt das Telefon. Sozialpädagogin Trapp eilt ins Büro nebenan. „Derzeit steht das Telefon kaum still“, sagt Monika Heitmann und Lulu nickt. Die Beratungsstelle ist von massiven Kürzungen betroffen.
Es ist fraglich, ob es die Einrichtung auf Dauer noch geben kann. Dabei beraten die zwei Hauptamtlichen seit über 20 Jahren zuverlässig, anonym und patent mehrere tausend Prostituierte, ihre Angehörigen oder Freier in Bremen und der Region. Rund 3000 gibt es im Land Bremen, eine genaue Zahl existiert nicht. Laut Angaben der Polizei arbeiten viele davon in den 250 bekannten Wohnungen, Freudenhäusern, Bars und Clubs, „aber die Szene differenziert sich aus“, berichten die Nitribitt-Beraterinnen. Viele Frauen arbeiten heute privat, sie inserieren in Zeitungen und Anzeigenblättern – und im Internet.
Zwangsprostitution macht Konkurrenz
Und schließlich die Osteuropäerinnen: Nicht alle sind freiwillig in Deutschland, viele – besonders die jungen Mädchen – sind Opfer von Menschenhandeln, Sexsklavinnen, ohne Pass und Sprachkenntnisse, Gefangene ihrer gewalttätigen Peiniger. Sie und die vielen Gelegenheitshuren machen die größte Konkurrenz. „Es gibt so viele Mütter auf Hartz IV, die in den einschlägigen Kneipen schmierige Angebote annehmen und es für 30 Euro ohne Gummi machen“, hat Lulu beobachtet. Sie fährt sich durch die halblangen braunen Locken. Abgeklärt klingt dieser Satz. Lulu redet schon weiter, von den vielen jungen Frauen, die aus Neugierde oder Geldsorgen in die Szene drängen. Der Einstieg erfolgt oft über das Telefonsexgeschäft – oder das Internet. Für Lulu ist das fast der „Verfall des Gewerbes“.
In den vergangenen Jahren haben bei Nitribitt auch immer wieder Studentinnen angefragt, die sich durch Sexarbeit ihr Studium finanzieren wollten. Tagsüber in der Vorlesung, nachts im Bordell – ist es wirklich so? Lulu nickt und lacht dann. Naiv findet sie die Frage wohl.
Viele Prostituierte führen ein Doppelleben – wenn der Partner, die Familie oder die Nachbarn erfahren, womit sich die Frauen ihren großen Lebenswandel finanzieren, tauchen vielfach Probleme auf. Aber auch, wenn es um rechtliche und gesundheitliche Aufklärung geht, wenn sich ein Freier verliebt oder sich die Frauen umorientieren möchten, dann sind die Frauen von Nitribitt gefragt. Um „effektiv arbeiten zu können“, so Heitmann, brauchen die Beraterinnen Frauen wie Lulu, gestandene „Huren“, die das Milieu sehr gut kennen. Den Begriff „Huren“ verwenden diese Frauen nicht ohne Stolz. Stolz ist Lulu darauf, das Vertrauen der Mädchen zu haben – und somit der etablierten Beratungsstelle Kontakt zu den Frauen in der Szene vermitteln zu können. „Nur so kann Nitribitt Einstiegs-, Umstiegs- und Ausstiegshilfe anbieten“, sagt sie. Sie, die Schnittstelle zwischen Rotlichtmilieu und Gesellschaft sein.
Mehr als Ausstiegsberatung
Und überhaupt: Einstiegs- und Umstiegsberatung? „Tatsächlich kommen solche Fragen eher selten vor, aber sie gehören auch mit dazu“, sagt Sozialpädagogin Gabriele Trapp, jetzt zurück vom Telefon. Also eine Berufsberatung für Huren? „Wir klären darüber auf, was man alles mitbringen muss, um in diesem Gewerbe zu überleben“, so die Beraterin. „Man muss psychisch gesund und sehr gefestigt sein, Schauspieltalent und Humor mitbringen – und Menschenliebe“, sagt die Prostituierte und erzählt, wie sie Hure wurde.
28 Jahre alt war die Krankenschwester und besserte ihr Gehalt als Kellnerin in Bars auf. Ein loses Mundwerk habe sie sowieso gehabt – und viele Männer. In der Nachtclub-Szene lernte sie bald einen Mann kennen, der ihr die Kontakte zum Milieu vermittelte. „Ich war neugierig. Und Sex macht mir sowieso Spaß“, erzählt Lulu und zieht lasziv an ihrer Zigarette, dreht an ihren Haaren. Diese nicht unerotischen Gesten hat sie jahrelang eintrainiert – vermutlich merkt sie es nicht einmal mehr?
„Gelernt“ hat sie in der „Helene“, der Helenenstraße in Bremen. In einem der Bordelle mietete sich Lulu ein Zimmer, 150 Mark am Tag kostete das damals, egal, ob sie arbeitete oder nicht. Heute wird dieser Betrag fast in Euro fällig. Die „Knete“ wird von den Vermietern und Vermieterinnen kassiert. Hier schiebt sich Gabriele Trapp in Lulus Erzähungen dazwischen. „Bremens Huren sind ziemlich selbstbewusst. Zuhälter mischen nur wenige mit“, erklärt die Sozialarbeiterin.
Lulu gluckst und reißt das Wort wieder an sich: „Aber viele Frauen halten sich einen Zuhälter – für die Sicherheit und fürs Image. Den staffieren sie dann mit Goldkettchen und Limo aus, behängen ihn wie einen Weihnachtsbaum, nur um zu zeigen, wie viel sie verdienen“, sagt die 48-Jährige. Sie selbst sei stets ohne Zuhälter ausgekommen, fügt sie noch hinzu. Dann ist sie auch schon bei den „Tricks und Kniffen“ und den „Gesetzen des Milieus“. „Eine ausgebildete Hure küsst ihren Kunden niemals. Sie verkauft eine Illusion, nicht sich selbst“, spult Lulu herunter. Für die meisten Männer sei genau das der Reiz, sagt die Hure, „etwas Verruchtes zu tun. Mit einer erotisch-zurechtgemachten Frau eine gewisse Zeit zu verbringen, Wünsche erfüllt zu bekommen, die sie vor ihrer Partnerin vielleicht gar nicht aussprechen mögen.“
Wie der Mann, der sehr viel Geld bezahlte, um sie beim Toilettengang zu beobachten. 15 bis 20 Minuten für einen Freier, „davon werden 13 Minuten nur geredet. Das Reden ist sehr wichtig. Damit wird nicht nur die Zeit gefüllt“, sagt Lulu. Oft geht es den Männern einfach nur um Nähe oder dass eine Frau zuhört. Schon nach wenigen Tagen, erinnert sie sich, habe sie Gefallen an ihrem neuen Job gefunden. Warum? Lulu zündet sich eine neue Zigarette an und zuckt mit den Achseln. Wieder so eine naive Frage. „Na, es ist halt schnell verdientes Geld“, sagt sie und grinst.
Anschaffen ist harte Arbeit
Aber leicht verdient ist das Geld dann eben auch nicht. Die meisten Huren arbeiten sieben Tage in der Woche. In den Bordellen werde die Zimmermiete pro Tag abgerechnet. Die Betreiberinnen seien da nicht zimperlich. Aufschub gebe es nur selten. Dafür sei die Stimmung in den Freudenhäusern sehr gut. „Unter den Frauen herrscht ein guter Zusammenhalt, aber klar, Zickereien hat man mal – vor allem, wenn zwei in den gleichen Zuhälter verliebt sind“, erzählt Lulu, die auch kurz in Hamburg auf der Reeperbahn gearbeitet hat.
Da habe sie den Unterschied zu Bremen besonders gespürt. Zuhälterringe, Bandenkriege, Gewalt – in Bremen ist das Gewerbe meist in Frauenhand. „Das sind Berufshuren, die schätzen ihre Arbeit und finden sie ehrenwert!“, Lulu spricht nun langsam und deutlich, sie möchte verstanden werden. Sie ist es leid, dass Huren in die Schmuddelecke an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden – und mit „halbseidenen Gesetzen“ doch irgendwie integriert werden sollen. Zwar war Prostitution auch schon vor dem neuen Prostitutionsgesetz im Jahr 2002 nicht verboten, aber sie gilt als Ordnungswirdigkeit. Seit 2002 werden die schätzungsweise 500.000 Berufsprostituierten in Deutschland, von denen etwa 95 Prozent Frauen sind, in die gesetzlichen Krankenversicherungen aufgenommen. Bis heute machen nicht alle davon Gebrauch.
Leben mit dem Doppelleben
Auch, um sich über die eigenen Rechte zu informieren, brauchen die Huren Einrichtungen wie Nitribitt – Orte, an denen sie sich auch mal austauschen können. Vor allem dann, wenn sie aussteigen wollen. Lulu wusste immer, dass die Prostitution nichts für ewig sein würde. Darum hat sie ihren Job als Krankenschwester nie aufgegeben. „Ich hab in Teilzeit weiter gearbeitet, allein schon, um im Rentensystem zu bleiben“, erzählt sie. Doch die Doppelbelastung zwischen Anschaffen und Job sei sehr schwer durchzuhalten. „Man muss ein Doppelleben führen“, sagt Lulu und berichtet, wie so mancher Freier nicht schlecht gestaunt habe, als die Hure von der Nacht zuvor plötzlich als Schwester mit bürgerlichen Namen vor seinem Krankenbett stand.
Lulus Ausstieg ging langsam. Als sie einen Mann traf, mit dem sie ein bürgerliches Leben führen wollte, schaffte sie den Absprung vom Strich. Leicht sei ihr der Ausstieg nicht gefallen, sagt sie und kippt noch einmal Kaffee nach. Fasst sich an die goldene Halskette, schließt ihre braunen, klaren Augen. Ohne das viele Geld auszukommen, sei schwer gewesen. Aber Lulu hatte einen Teil angelegt. Der Straßenstrich veränderte sich sowieso, die Osteuropäerinnen drückten die Preise – und Lulu ging nicht mehr jeden Tag arbeiten. Irgendwann arbeitete sie nur noch für ihre Stammkunden.
„In 20 Jahren hat man natürlich seine Stammkunden“, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. So ganz komme man eben nie los, raunt sie. Neulich war sie mit ihrem Mann im Elektronikmarkt. Eigentlich wollten sie nur ein Kabel kaufen, aber beim Flachbildfernseher blieb sie stehen. Schnell verdientes Geld. „Da hab ich zu meinem Schatz gesagt: Ich könnte nur eine Nacht arbeiten, dann können wir uns den kaufen!“, erzählt Lulu – und lacht. Ihr Mann hat dieses Angebot abgelehnt.
Veröffentlicht im Weser-Kurier, 27. Dezember 2008
Junge Frauen fühlen sich gleichberechtigt
VON TINA GROLL
BREMEN. Sind Sie schon gleichberechtigt oder fühlen Sie sich nur so? „Sowohl als auch“, antwortet die 26-jährige Antje Eilers. Die junge Bremerin ist eine jener Frauen, die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wohl als Alpha-Mädchen bezeichnen würde. Selbstbewusst, zielstrebig, mit feministischem Bewusstsein – und im Spannungsfeld zwischen Männerdomäne und Frauenbewegung. Denn Antje Eilers arbeitet im Bremer Seemannsheim und beim Frauenbildungszentrum Belladonna.„Ich bin eine Feministin, aber als solche bezeichne ich mich selten“, sagt die Soziologiestudentin. Gerade schreibt sie an ihrer Magisterarbeit zum Thema Frauen in der Seefahrt. Der Begriff der Feministin scheint der jungen Frau zu negativ besetzt. „Da schwingt eine Konnotation mit, eine Ecke, in die viele Frauen nicht reinwollen. Sie befürchten Diffamierung“, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Johanna Cüsters. Sie hat in ihrer Doktorarbeit die Berufssituation von Männern und Frauen am Beispiel des Berufsfelds Journalismus miteinander verglichen – und dabei auch das frauenpolitische Bewusstsein der jungen Frauen abgefragt. Sie kommt zu dem Fazit: Je ausgeprägter das feministische Bewusstsein, desto eher sind Frauen dazu bereit, sich im Berufsleben zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen.
Die Interessen von Frauen zu vertreten – dafür steht der Deutsche Frauenrat, die Dachorganisation von derzeit 54 bundesweit aktiven Frauenverbänden. „Es gibt Strukturen und Mechanismen in unserer Gesellschaft, die dazu führen, dass Frauen in vielen Bereichen immer noch benachteiligt werden“, sagt Ulrike Helwerth vom Interessenverband. Problematisch sei, dass viele Frauen ihre Benachteiligung für ihr persönliches Versagen hielten. „Die jungen Frauen werden mit den Erwartungen an ihre Rolle überfordert“, meint Helwerth. Die Erfolge der ersten und zweiten Frauenbewegung – vom Wahlrecht bis zur gesetzlichen Gleichstellung – ermöglichen der jungen Frauengeneration eine Vielzahl von Chancen und vielfältigen Lebensentwürfen. Doch die Frauenrolle scheint zu groß geworden zu sein. Helwerth zählt auf: „Die jungen Frauen arbeiten sich an dieser Rolle ab: Sie sollen Karriere machen und Kinder bekommen, eine erfüllende Partnerschaft leben und dabei noch umwerfend aussehen. Und die Männer hängen 20 Jahre zurück.“Ist also neben der dritten Welle der Frauenbewegung auch eine Männerbewegungnotwendig? Antja Eilers bejaht diese Frage. „Die Männer können ja nichts richtig machen. Die haben keine klare Rolle mehr.Sind sie Macho, ist es falsch, sind sie nur der Hausmann, ist es auch nicht richtig.“ Die junge Frau erzählt, dass sie in ihrer Generationgerade bei den Männern Orientierungslosigkeit beobachtet hat. Ihr eigenes feministisches Bewusstsein wurde schon früh geweckt. Aufgewachsen in einem Dorf in Ostfrieslandwollte sie den engen Strukturen entkommen, die untrennbar mit dem klassischen Rollenverständnis verbunden waren. Eilers studierte Soziologie in Bremen und Geschlechterforschung in Oldenburg. Gleichberechtigt habe sie sich immer gefühlt, „aber ich füge immer hinzu, dass ich noch nicht ins Berufsleben eingestiegenbin.“ Und was versteht sie unter Gleichberechtigung? „Wenn eine Frau mit Kindern Karriere machen kann, ohne als Rabenmutter bezeichnet zu werden und ein Mann Hausmann sein kann, ohne als ein Weichei abgestempelt zu werden.“
„Die Jungen werden viel zu tun haben“, glaubt Ulrike Helwerth. Sie gibt zu bedenken, „dass wir jetzt die bestausgebildete Frauengeneration der Geschichte haben – und diese Frauen bekommen trotzdem weniger Lohn.“ In einer gleichberechtigten Welt sind Männer und Frauen also noch nicht angekommen, dafür sei eine Männerbewegung notwendig. „Ich hoffe, meine Generation wird das erleben“, sagt Antje Eilers.
veröffentlicht im WESER-KURIER, 8. März 2008
In Indien schuften Millionen Minderjähriger für einen Hungerlohn
VON TINA GROLL
MANIPAL (INDIEN). Jeden Tag steht Bhani auf der Hauptstraße. Sie streckt ihre kleine Hand aus und schaut traurig. Selbt wenn sie lacht, sieht sie traurig aus. Und alt. Ihre Haut ist grau – vom Staub der Straße. Grau vom Hunger, der Armut, der Arbeit. Seit sie denken kann, steht sie jeden Tag auf der staubigen Hauptstraße, in der Hitze, die Haare verfilzt, die Hand ausgestreckt. Bhani ist ein Straßenkind. Sie bettelt oder verrichtet Tagelöhnerarbeiten gegen wenige Rupien. Eine Schule hat die Achtjährige noch nie besucht. Bhani ist eine von schätzungsweise 44 Millionen indischer KinderarbeiterInnen. Damit ist Indien das Land mit den weltweit meisten KinderarbeiterInnen.
Bhani muss jeden Tag betteln, um zu überleben. Über den Milchdrink, den ich ihr zum Dank für das Interview und Bild schenkte, freute sie sich so sehr, dass sie mich segnete.
Eine von vielen Millionen
Die indische Regierung hat die Anzahl der KinderarbeiterInnen für das Jahr 2005 mit 10,26 Millionen angegeben. Verschiedene Hilfsorganisationen gehen in ihren Schätzungen sogar weiter: Es wird angenommen, dass mindestens 40 Millionen indischer Mädchen Kinderarbeiterinnen sind. Das ist die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands. Es gibt sogar Stimmen, die die Zahl der KinderarbeiterInnen in Indien auf mehr als 120 Millionen schätzen. Der indische Journalist und Buchautor M.V. Kamath sagt: „Es gibt mindestens 70 bis 80 Millionen Kinder in Indien, die nicht die Schule besuchen. Was machen diese Kinder? Man muss davon ausgehen, dass sie alle arbeiten.“
Mädchen sind besonders hart betroffen
Gerade die Mädchen sind von Kinderarbeit betroffen – sie gelten in Indien als weniger Wert als ein Junge und stellen eine wirtschaftliche Einbuße für die Familie dar. Für ein Mädchen ist es noch viel weniger wichtig, zu einer Schule zu gehen – denn sie wird ja sowieso verheiratet. So fern sich die Eltern das leisten können. Denn um eine Tochter zu verheiraten, muss eine hohe Mitgift bezahlt werden. Das ist vor allem in den nördlichen Bundesstaaten Indiens unter der ärmeren Bevölkerung weit verbreitet. Um der Armut zu entrinnen, werden die Mädchen schon früh zum Arbeiten geschickt. Aber auch die Jungen trifft dieses Schicksal.
Schuften zum Hungerlohn
Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) müssen mindestens 18 von hundert Kindern zwischen fünf und 14 Jahren in ausbeuterischen Verhältnissen schuften. Sie arbeiten unter gesundheitsschädlichen und gefährlichen Bedingungen zu Hungerlöhnen. Sie schleppen Steine, bauen Feuerzeuge zusammen, weben Teppiche – 12 bis 14 Stunden lang am Tag. Gerade einmal 38 Prozent werden überhaupt entlohnt, die Jungen etwas besser als die Mädchen – wenn sie überhaupt bezahlt werden.
Swati und Gorkha müssen Steine schleppen
Damit sind sie Kinder ohne eine Kindheit. So wie der siebenjährige Gorkha und seine sechsjährige Schwester Swati. Auch sie haben noch nie eine Schule besucht. Der Junge und das Mädchen schuften auf einer Baustelle. „Ich habe schon immer im Straßenbau gearbeitet“, sagt der Siebenjährige. In knappen Shorts, einem zerfetzten, dreckigen Hemd und barfuß schleppt er mit seiner Schwester Wackersteine. Jeden Tag arbeiten sie 12 Stunden lang in der sengenden Sonne. Für 500 Kilo am Tag bekommen die Kinder sechs Rupien – umgerechnet 10 Cent. 12 Stunden, 500 Kilo, sechs Rupien – das sind die Zahlen die Gorkhas und Swatis Leben bestimmen. Ein Erwachsener würde für diese Arbeit mindestens hundert Rupien bekommen. Gorkha und Swati leben mit ihrer Familie an der Straße. Sie ziehen von Baustelle zu Baustelle, hausen in Plastik-Zelten, mitten auf dem staubigen Schotter, im Dreck, in den Abgasen der vorbeirasenden LKWs. Dieses Leben und Arbeiten ist gefährlich: Vor wenigen Monaten wurde Gorkhas und Swatis älterer Bruder von einem Lastwagen tot gefahren. Seither müssen sich die Geschwister sich doppelt anstrengen. Denn der Verdienst des toten Bruders fehlt.
Sie haben den Wert eines Straßenhundes
„Das Leben eines Kinderarbeiters wird nicht höher als das eines Straßenhundes angesehen“, erklärt M.V. Kamath, „Diese Kinder sind geboren, um zu arbeiten. Wenn sie das nicht überleben, ist es in erster Linie ein wirtschaftlicher Verlust.“ Indien hat mehr als eine Milliarde Einwohner, ein Drittel von ihnen lebt unter der Armutsgrenze und knapp die Hälfte aller Inder können weder lesen noch schreiben. Sie sind Menschen, die nichts anderes kennen, alseine Hand-in-den-Mund-Situation. M.V. Kamath erklärt: „Das ist ein Teufelskreis: Wer so arm ist, hat keine andere Möglichkeit, als viele Kinder zu haben und sie in ausbeuterische Arbeit zu schicken, um zu überleben. Und diese Kinder werden dasselbe mit ihren eigenen Kindern tun.“
Keine Änderung in Sicht
Vor allem die Teppich-, Textil-, Streichholz-, Tabak- und Feuerwerksindustrie profitieren von den Kinderarbeitern. Und das, obwohl Kinderarbeit seit 1986 offiziell verboten ist. Damals verabschiedete die indische Regierung die sogenannte Child Labour Prohibition Act. Ein Gesetz, nachdem Kinderarbeit illegal ist und Jugendliche erst ab ihrem 14. Lebensjahr beschäftigt werden dürfen – um eine Ausbildung zu erhalten. Das Gesetz ist 20 Jahre alt und die Zahl der KinderarbeiterInnen ist nicht gesunken. Warum, das kann die Buchautorin und Soziologin Prachi Jaiswal erklären. Sie hat eine Studie zum Thema KinderarbeiterInnen durchgeführt. Sie sagt: „Das Gesetz hat Schlupflöcher. Die meisten Mädchen werden davon gar nicht geschützt. Arbeiten sie Zuhause, gibt es gar keine Handhabe. Und selbst in Fabriken sind sie unbezahlte Hilfskräfte, die nicht als Arbeiter angesehen werden. Hinzukommt häufig sexuelle Gewalt.“
Maßnahmen gegen Kinderarbeit
Gegen die Kinderarbeit kämpfen vor unabhängige Nicht-Regierungs-Organisationen. Die landesweite Kampagne gegen Kinderarbeit (CACL) setzt sich für ein Recht auf Kindheit ein Aber natürlich versucht auch die indische Regierung, die Kinderarbeit weiter einzudämmen. So wurde das Recht auf Bildung und das Verbot von Kinderarbeit in der Verfassung fest verankert. Auch werden seit 1987 regionale und lokale Projekte gegen Kinderarbeit durchgesetzt. Man versucht, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder lieber zur Schule als zur Arbeit zu schicken. Außerdem wird wirtschaftlicher Druck auf die großen Firmen ausgeübt, die Kinder zu Hungerlöhnen beschäftigen. Für Bhani, Gorkha und Swani wird sich wahrscheinlich erst einmal nichts ändern. Zumindest Bhani hatte heute Glück: Eine Stundentin hat ihr eine Packung Kekse, einen Milchdrink und eine Banane geschenkt. Eine ganze Mahlzeit! Jetzt lächelt sie. Und sieht für wenige Sekunden fast aus wie ein Mädchen, das eine Kindheit hat.
veröffentlicht im Februar 2006 im WESER-KURIER und bei Schulen ans Netz